Eine Insel im Vorder-Föhr.

Die Chancen stehen ziemlich gut, dass du – außer du kommst aus Deutschland oder Dänemark – noch nie von diesem Ort gehört hast. Und auch nicht von einem faszinierenden Familienhof, der sich seit sage und schreibe vierhundert Jahren immer weiterentwickelt. VIERHUNDERT JAHRE. Ich jedenfalls hatte nie davon gehört. Weder von der Insel, noch von dem […]

Die Chancen stehen ziemlich gut, dass du – außer du kommst aus Deutschland oder Dänemark – noch nie von diesem Ort gehört hast. Und auch nicht von einem faszinierenden Familienhof, der sich seit sage und schreibe vierhundert Jahren immer weiterentwickelt.

VIERHUNDERT JAHRE.

Ich jedenfalls hatte nie davon gehört. Weder von der Insel, noch von dem Hof.

Also: Als ich damals schottische Brennereien belagerte, damit sie mich zum Schreiben einladen, bin ich irgendwie bei Hinrichsen’s Hof und Brennerei gelandet.

Ich erinnere mich noch, wie ich den Namen „Föhr“ sah und dachte: warum nicht. Liegt bestimmt irgendwo vor Schottland.

Tut’s nicht.

Also ein bisschen Geografie, Geschichte und Kultur – und ja, manches davon kann man online nachlesen, genau das mache ich gerade und erspare dir die Mühe. Aber wichtiger als die nackten Fakten ist für mich das Gefühl, wie es ist, hier zu sein. Dazu gleich mehr.

Die Fakten (leicht geklaut aus Wikipedia).

Föhr liegt in der Nordsee, direkt vor der deutschen Küste und nicht weit von Dänemark. Besiedelt seit der Jungsteinzeit. Bis zu einem gewaltigen Sturm 1362 war es noch Teil des Festlands. Dieser Sturm verwüstete große Teile der Küste und ging als „Grote Mandrenke“ in die Geschichte ein – was wörtlich „Das große Ertrinken der Menschen“ heißt.

Ganz ehrlich: Das ist vielleicht der beste Name für einen Sturm überhaupt. Wenn man „Hurricane Harvey“ damals „The Great Storm That Completely Walloped The Big Easy“ genannt hätte, gäbe es wenigstens ein bisschen poetische Gerechtigkeit.

Nachdem der Sturm Föhr zur Insel gemacht hatte, ging es hin und her – mal dänisch, mal preußisch, irgendwann dann deutsch. Zwischendurch war es sogar ein Zentrum der Seefahrt: viele Walfang-Kapitäne bauten hier ihre Häuser.

Heute sind’s Touristen und Einheimische.

Aber: Die Kultur hier ist völlig eigen. Alle sprechen Deutsch, manche ein bisschen Englisch, aber wenn’s unter sich bleibt, dann sprechen die Leute Friesisch. Eine eigene Sprache.

Für mein ungeübtes Ohr klingt das erstmal wie Deutsch mit schiefem Empfang. Nach ein paar Tagen hier erkenne ich ab und zu Wörter im Gespräch – zumindest glaube ich das – aber ob ich jemals Friesisch entziffern werde, ist fraglich. Es soll etwa 4.000 Sprecher geben.

Falls also mal jemand etwas Gemeines über mich sagt, werde ich’s wohl nur merken, wenn es anfängt mit: „Dieser Greta… irgendwas, irgendwas…“

Die Insel ist winzig: 82 Quadratkilometer. Rund 31 Quadratmeilen.
Ich kenne Leute in Texas, deren Ranch größer ist.

Und trotzdem: Auf dieser Miniaturwunderwelt gibt es etwa 9.000 Bewohner (oder zumindest Hausbesitzer). Mein Gastgeber Jan Hinrichsen sagt, viele kommen hierher, kaufen sich ein Haus, träumen vom idyllischen Insel-Leben – und nach zwei langen, dunklen Wintern verschwinden sie wieder.

Jan und seine Frau Marret sind beide hier aufgewachsen, haben sich nach der Schule kennengelernt, geheiratet und drei Kinder auf dem Hinrichsen-Hof großgezogen.

Der seit über 400 Jahren in der Familie ist.

Für einen Amerikaner: völlig unvorstellbar.

Vierhundert Jahre derselben Familie.

VIERHUNDERT JAHRE.

Für Jan bedeutet Nachhaltigkeit nicht Marketing. Kein Greenwashing.
Es ist schlicht das Vorbereiten für seine Ur-ur-ur-ur-ur-Enkel.

Kennst du irgendjemanden, der so weit vorausdenkt?
Ich jetzt schon.

Die Insel hat eine kleine Hauptstadt, Wyk, und ein halbes Dutzend Dörfchen mit ein paar Häusern und vielleicht einem Biergarten. Fahrräder überall, Autos eher wenige – obwohl man sie mit der Fähre herüberschleppen darf. Die Straßen sind schmal, leer, hübsch.

Und alles ist grün. Richtig grün.

Das Wetter hier ist eigenartig – ich treffe bald einen lokalen Wissenschaftler, der mir das erklärt. Ich vermute: Klima und Boden sind auch Gründe, warum Jans Whisky so gut ist. Dazu später noch viel mehr.

Habe ich schon gesagt, dass der Ort magisch ist?
Er ist magisch.

Die Orte sind voller Häuser aus dem 18. Jahrhundert. Jan zeigte mir ein paar Kapitänshäuser, wie man sie sonst eher in Hawaii oder Neuseeland erwarten würde.

Mein erster Eindruck war: Das kann nicht echt sein. Alles zu perfekt. Zu schön. Und – sorry, Universum – zu niedlich.

Ja. Niedlich.

Es tut mir leid. Ich weiß, sobald man einen Ort „niedlich“ nennt, ist es vorbei: Boutiquen schießen aus dem Boden, gelangweilte Ehemänner stehen vor den Läden und warten mit dem Paket, das sie wie Packesel nach Hause tragen.

Aber es stimmt einfach. Ein Großteil der Insel ist wirklich niedlich.

Deshalb kommen die Touristen. Manche verlieben sich ins Inselleben und bleiben. Zumindest bis zum ersten Winter.

Die Einheimischen dagegen lieben den Winter. Durch den warmen Nordseestrom und die vorgelagerten Inseln wird Föhr abgeschirmt, die Winter sind gar nicht so brutal, und die Sommer freundlich.

Im Winter sind die Tage kurz, aber es ist friedlich.

Im Sommer dagegen: 30.000 Touristen, volle Hotels, volle Restaurants, volle Läden. Und dann, im Herbst, ein kollektives Aufatmen. Ruhe.
Und bestimmt mehr Friesisch.

Inseln haben ihre eigene Zeitrechnung. Alles läuft langsamer. Entspannter. Ich sprach mit einem Paar, das vor ein paar Jahren aus Hamburg hergezogen ist. Beide in großen Firmen, lange Pendelwege, kaum Zeit für die Kinder. Irgendwann kam der Maxfield’sche Moment: „Scheiß drauf, wir ziehen nach Föhr.“

Versteh ich. In Marathon, Texas sah ich dasselbe. Das ist eine Insel mitten in der Wüste. Ohne Fähre, dafür mit 35 Meilen offener Straße.

Auch das ist eine Exit-Strategie, die ich nachvollziehen kann.

Ich selbst habe Glück gehabt mit einem Haus auf einem schönen Stück Land – niemand hockt mir im Chili, aber wenn mir die Nägel ausgehen, fahre ich eben schnell zu Home Depot.

Wenn ich mich hier so umschaue – all die Reetdachhäuser, das gepflegte Dorfleben – frage ich mich, wie all die Materialien wohl über die Fähre kamen. Mit der Zeit finde ich das sicher noch heraus. Im Moment aber staune ich einfach und schätze, was hier steht.

Ich bin auf einer Entdeckungsreise auf Föhr. Um Kultur, Ort und den Hof zu verstehen, der seit vierhundert Jahren in der Familie Hinrichsen ist.

Vierhundert Jahre.

Immer noch unbegreiflich.

Vierhundert Jahre. Ein Hof. Eine Familie. Und der Plan, nochmal vierhundert Jahre dranzuhängen – diesmal nicht mit Käse, sondern mit Whisky.

Whisky… Käse…
Ich nehm den Whisky.

Vierhundert Jahre.

The Still Life Stories